Auslandsstudium: Aus Gottes Händen leben

Interview von Deborah Sauer mit ihren Kommilitoninnen Steffi Schwarz und Julia Ritz zu ihren Auslandssemestern

Ich sitze mit Steffi Schwarz und Julia Ritz, Studentinnen der Ev. Theologie an der Internationalen Hochschule Liebenzell, gemütlich am Kaffeetisch in unserer WG. Die Gespräche drehen sich um das Wetter, das Bergleben und die Veränderungen der letzten Zeit.

Die beiden Studentinnen waren für ein halbes Jahr im Auslandssemester. Steffi war an der Universidad Pontífifia Salamanca in Spanien und Julia an der LCC in Klaipeda, Litauen. Um etwas mehr über ihre Erlebnisse dort zu erfahren, habe ich ihnen einige Fragen mitgebracht.

Deborah: Was war der größte Unterschied von eurem Gastland zu Deutschland?

Steffi: Gefühlt sind dort die Tages- und Nachtzeiten etwas verschoben. Es ist ganz normal, wenn nach Mitternacht noch Familien mit jungen Kindern auf der Straße unterwegs sind. Dafür stehen die Leute dann auch später auf. So öffnet der Bäcker zum Beispiel frühestens um 11:00 Uhr! Und dann wäre da noch das berühmt-berüchtigte Temperament der Spanier. (lacht) Damit muss man auch erstmal umgehen lernen.

Julia: Bei mir war das etwas anders. Die Menschen in Litauen sind noch verschlossener als in Deutschland! Erst als ich wieder zurückgekehrt bin, ist mir aufgefallen, wie offen und nett doch die Deutschen sind. Auch wenn sie einen ganz anderen Ruf haben! (lacht)

Deborah: Was war euer schönstes Erlebnis in euren Gastländern?

Steffi: Ich hatte einen echt schweren Start in Salamanca. Die ersten Wochen ging es mir dort so richtig dreckig. Eines Tages sprach mich dann ein fremder Mann auf der Straße an. Als er merkte, dass ich Deutsche war, wechselte er selbst auf Deutsch und erzählte davon, dass er Missionar sei und hier eine FreshX-Gemeinde gründete. Gott hatte ihm gesagt, er solle mich ansprechen und er wurde schließlich zu meinem Mentor, bzw. Ersatz-Papa. Als zwei Tage später mein Geburtstag war, hatten er und einige meiner Freunde eine Überraschungsfeier geplant. In diesem Moment habe ich unbeschreibliche Liebe und Gnade erfahren! Diese Tage waren für mich wie ein Wendepunkt. Ich ging in die FreshX-Gemeinde und traf mich immer wieder mit dem Missionar. Danach ging es auch mit mir langsam wieder bergauf.

Julia: Ich durfte erfahren, wie meine albanische Zimmerkollegin immer näher an Gott herangewachsen ist. Obwohl ich im Alltag nicht viel mit ihr zu tun hatte und nichts Konkretes tat, hat Gott gewirkt. So meinte sie eines Tages zu mir, nachdem ich für sie gebetet hatte: „Dein Gebet bringt etwas!“. Es war für mich toll, mitzuerleben, wie sie immer mehr nach Gott fragte und ihn suchte.

Deborah: Und die größte Herausforderung?

Steffi: Für mich war es dieses dauerhafte Gefühl, eine Last zu sein. Alle mussten dort immer Rücksicht auf mich nehmen. Ich konnte am Anfang überhaupt kein Spanisch und war komplett auf die Anderen angewiesen. Es fiel mir sehr schwer, damit umzugehen.

Julia: Diese Erfahrung von Ohnmacht kann ich bestätigen. Ich bin auch durch eine Krise gegangen am Anfang. Ich wusste gar nicht, wie ich dort Freunde finden sollte und fühlte mich von Zeit zu Zeit etwas überfordert. Doch dann durfte ich erfahren, dass Gott Freunde schenkt!

Deborah: Erzählt mir mal von so einer besonderen Freundschaft in dem letzten Semester!

Steffi: Ich lernte eines Tages eine 16-jährige halb-Marokkanerin/ halb-Spanierin kennen, mit der mich schließlich eine tiefe Freundschaft verbinden sollte. Sie war Missionarskind in Marokko und fühlte sich nirgendwo wirklich dazugehörig. Dass konnte ich gut nachvollziehen und daraus resultierte trotz vieler Differenzen ein tiefes Verständnis füreinander. Da merkte ich auch: Wenn man sich Freundschaft nicht aussuchen kann, kann man mit jedem Menschen glücklich sein! Es gibt kein größeres Geschenk auf der Welt, als die Beziehung zu einem Menschen!

Julia: Mir war bald nach Ankunft in Litauen mein Handy kaputt gegangen. Also kaufte ich einer anderen Studentin ihres ab. Es funktionierte nicht und ich musste es zurückgeben. Dennoch resultierte aus diesem Kauf eine echt gute Freundschaft. Wir trafen uns immer wieder und machten von da an viel zusammen. Aus so etwas banalem wie einem missratenem Handykauf konnte Gott so etwas wertvolles machen!

Deborah: Was konntet ihr Neues lernen über euch selbst oder Gott?

Steffi: Die wirklich entscheidenden Dinge kann man sich im Leben nicht durch Leistung erarbeiten! Man kann sie nur mit leeren Händen empfangen!

Deborah: Erzählt mir mal von einem besonderen Erlebnis mit Gott!

Steffi Schwarz. Foto: IHL/HR, 2017.

Steffi: Wie schon erwähnt, waren meine ersten Wochen katastrophal. Mein Laptop ging kaputt, mein Handy wurde geklaut und von meinem Konto verschwanden 500 Euro. Dann wurde mir noch gesagt, dass mir mein Studium doch nicht angerechnet werden konnte. Danach war ich völlig am Ende und konnte nur schlecht nach Hause kommunizieren, da ich ja weder Geld noch ein Handy/ Laptop hatte. Doch wie durch ein Wunder lösten sich Schritt für Schritt meine Probleme. Die Ersatzfestplatte des Laptops wurde durch ein Gebet „geheilt“. Mein Pastor fand 100 Euro vor seiner Haustür, sodass er mir davon ein neues Handy kaufte. Das Geld konnte reklamiert werden und mein Studium wurde doch noch anerkannt. In all dem konnte ich Gott spürbar erleben!

Julia: Bei mir war es nicht so spannend. (lacht) Ich habe aber im Rückblick gemerkt, dass ich Gott selten so sehr ignoriert habe, wie in Litauen. Ich wollte den Alltag ohne ihn meistern und habe seinen Willen wissentlich außer Acht gelassen. An diesem „Jona-Erlebnis“ durfte ich erkennen, dass ich viel egoistischer bin als ich immer dachte und das hat mich nachdenklich gemacht. Jetzt will ich Gott wieder ganz neu an erste Stelle setzen.

Deborah: Was habt ihr während eurer Abwesenheit an der IHL besonders vermisst?

Steffi: Das Atrium! (lacht) Ich habe am Anfang jedes Mal geweint, wenn ich wusste dass in Bad Liebenzell gerade Atrium war.

Julia: Ja! Diese intensive Gemeinschaft unter Christen hat mir definitiv gefehlt!

Deborah: Was werdet ihr hier in Deutschland vermissen?

Steffi: Die ehrliche Hingabe, die die Christen in Spanien hatten. Ich habe noch nie so viel Liebe erlebt, wie dort in der Gemeinde! Natürlich werde ich aber auch die Sprache vermissen und die Ausländeridentität, die ich dort hatte (lacht). Und als mir egal war, was alle anderen über mich dachten, spürte ich eine Freiheit als Kind Gottes, die ich selten zuvor erlebt hatte! So war es zum Beispiel auch viel weniger schwer über Gott zu reden.

Julia: Hier auf dem Berg muss man seinen Glauben nicht so bewusst und offen leben wie an der LCC. Dort musstest du dich wirklich entscheiden und dich dann viel mehr mit Christus identifizieren. Das war zwar herausfordernd, aber auch sehr gut!

Deborah: Was ist etwas, das bleiben wird?

Steffi: Ein Pastor dort sagte einmal zu mir: „Steffi, Gott hat in seiner Liebe für jedes Problem eine Lösung. Sogar für den Tod!“ Diese Worte werde ich nie vergessen. Ich weiß, ich darf jeden Tag aus Gottes Hand leben!

Julia Ritz. Foto: IHL/HR, 2017.

Julia: Ich habe jedes Mal, wenn ich am Strand spazieren war, eine riesige Dankbarkeit gegenüber Gott gespürt. Die Natur dort ist einfach der Hammer und wenn ich dann noch einen Sonnenuntergang über dem Meer beobachtete, so konnte ich nicht anders, als über ihn ins Staunen zu kommen!

Deborah: Was würdet ihr allen wie mir raten, die ein Auslandssemester absolvieren wollen?

Steffi: Geht hin als Empfangende! Geht mit leeren, aber offenen Händen hin und wartet ab, was kommt. Und vor allem lernt über euch selbst zu lachen!

Julia: Tu es! Dich wird viel Stress und Druck erwarten, aber setze den Fokus nicht auf die Leistung, sondern auf die Freundschaften! Gehe raus, entdecke die Stadt, die Kultur und vor allem den Strand! Der ist in Litauen wunderschön! (lacht)

Deborah: Wie würdet ihr das Semester in einem Wort beschreiben?

Steffi: Unwiederholbareinmalig! (lacht) Nein, mach daraus: Unwiederholbareinmaligwertvoll!

Julia: (lacht) Ich würde sagen „Anders“. Ja, das passt!

Deborah: Hattet ihr mal ein lustiges Erlebnis? Vielleicht seid ihr in einen kulturellen Fettnapf hineingetreten?

Steffi: Oh ja! Mir ist einmal etwas ziemlich Dummes passiert. (lacht) Ich redete mit meinen Freunden und wollte ihnen sagen, dass ich wegen eines kommenden Ereignisses freudig gespannt bin. Was ich stattdessen sagte, war: „Ich bin sexuell erregt!“ Mann, das war peinlich! Aber da habe ich immerhin gelernt, über mich selbst zu lachen!

Julia: So etwas ist mir zum Glück nie passiert. Aber manchmal habe ich die Sprachen verwechselt und mit meinen Freunden auf Deutsch geredet statt auf Englisch. Erst an ihren ratlosen Blicken ist mir dann aufgefallen, dass sie mich gar nicht verstanden! (lacht)

Deborah: Vielen Dank für eure Offenheit und alles Erzählen! Gibt es noch etwas, dass ihr unseren Lesern gerne mitteilen wollt?

Steffi: Denkt daran: Überall gibt es Menschen mit einem Hunger nach Gottes Wort, das habe ich erlebt! Menschen, die Gott suchen! Er WIRD durch dich wirken, wo du gerade bist!

Julia: Das kann ich nur bestätigen! Ich habe gemerkt, dass Mission auch an Unis stattfinden kann! In Litauen müssen alle Studenten eine „Introduction to Bible Class“ belegen. Darin steckt ein ungemeines Potential! Die Dozenten sind Vorort Missionare. Auch ich könnte mir vorstellen, eines Tages so etwas zu tun.

 

Das Interview führte Deborah Sauer, Studentin für Theologie/ Pädagogik im interkulturellen Kontext und HiWi im International Office/ Referat Öffentlichkeitsarbeit und Presse.