Was den Menschen liebesfähig macht: Prof. Dr. David Kramer hält Antrittsvorlesung
BAD LIEBENZELL. Die Internationale Hochschule Liebenzell (IHL) feiert ihren neuen Professor. Am 9. Juli hielt Prof. Dr. David Kramer seine Antrittsvorlesung. Er lehrt Systematische Theologie.
Zu dem feierlichen Abend waren zahlreiche Verwandte, Freunde, Kolleginnen und Kollegen sowie die Studierendenschaft geladen. Musikalisch umrahmt wurde die Veranstaltung durch anspruchsvolle Klavierstücke von Christian Danneberg, einem ehemaligen Kommilitonen des neuen Professors.
Unter dem Titel „Ist Liebe exzentrisch? Pannenberg über Mensch, Gott und Kirche“ führte Kramer sein Publikum in die Schnittstelle zwischen Philosophie und Theologie. Ausgehend von einer humorvollen Szene der „Peanuts“ Comicserie, in der Charlie Brown an der Erklärung der Liebe scheitert, schlug Kramer die Brücke zu den Denkern des 20. Jahrhunderts.
Während man im Alltag bei ‚exzentrisch‘ eher an Menschen denkt, die von gesellschaftlichen Normen abweichen, beschreibe er in der philosophischen Anthropologie von Helmuth Plessner und Max Scheler den Kern des Menschseins. Der Mensch besitzt die Fähigkeit, sein eigenes Zentrum zu verlassen, sich selbst von außen zu betrachten und Mitmenschen um ihrer selbst willen und nicht nur triebgeleitet wahrzunehmen. Diese Struktur, so Kramer, mache uns überhaupt erst liebesfähig. Der Neuberufene verharrte jedoch nicht in der Theorie, sondern zog faszinierende Parallelen zum christlichen Gottesverständnis des Theologen Wolfhart Pannenberg: Gottes Wesen selbst existiere als eine „ekstatische“, sich selbst schenkende Liebe in den Beziehungen von Vater, Sohn und Heiligem Geist. Für die Praxis der Kirche bedeute diese exzentrische Struktur schließlich, den Blick bewusst von sich selbst wegzulenken und sich den Menschen zuzuwenden, die abseits der Mitte stehen.
Im Rahmen der feierlichen Würdigung blickte Prof. Dr. Jürgen Schuster (IHL-Professor im Ruhestand) auf Kramers Weg vom ehemaligen Bachelor-Studenten zum geschätzten Kollegen zurück und lobte dessen wissenschaftliche Haltung: „Dein Bemühen, dich nicht mit einmal Erkanntem zufriedenzugegeben, sondern weiter Fragen zu stellen und dabei Neues perspektivisch miteinander zu verknüpfen, hat mich schon damals gefreut. In deiner heutigen Beschäftigung mit dem Theologen Wolfhart Pannenberg verfolgst du seine Spur, dass theologische Fragen auch in den öffentlichen Vernunftdiskurs gehören.“
Auch Kramers Vorgänger, Prof. Dr. Wilfried Sturm, war unter den Gästen. Er hatte den neuen Professor vor etwa 25 Jahren unterrichtet und bezeichnete den Fund alter Seminararbeiten seines ehemaligen Studenten mit einem Schmunzeln als „fast archäologische Entdeckung“. Schon damals habe sich Kramers gründliche, durchdachte und differenzierte Arbeitsweise gezeigt. Er würdigte Kramer als jemanden, der eine klare Haltung einnehme und sich gleichzeitig durch tiefe Einfühlsamkeit und Sensibilität auszeichne.
Der gebürtige Kanadier, der nach Stationen in Sambia und Spanien seit 2020 als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der IHL tätig war und an der University of Aberdeen in Schottland promovierte, feierte den Einstand im Kreise seiner Familie. Ausgeklungen ist der festliche Abend mit einem Sektempfang, persönlichen Gratulationen und anregenden Gesprächen.


