September School 2026: Bibelübersetzung und Kultur mit Prof. Shin Yoshida
Wie gelingt es, die Botschaft der Bibel textnah und zugleich verständlich in eine andere Kultur und Sprache zu übertragen? Mit dieser zentralen Frage der Bibelübersetzung beschäftigte sich die diesjährige September School. Eine Woche lang gestaltete Prof. Dr. Shin Yoshida von der japanischen Tohoku Gakuin University eine intensive Vorlesungswoche am Campus.
Dabei erhielten die Teilnehmenden Einblicke in die japanische Kultur und Geschichte, verknüpft mit grundlegenden Debatten über Übersetzungsmethoden und gesellschaftliche Prägungen. Neben der fachlichen Arbeit bot die Woche auch wertvollen Raum für die Rückkehr auf den Campus, das Wiedersehen von Studierenden und den persönlichen Austausch mit dem Dozenten.
Anhand der Missionsgeschichte Japans, von den ersten jesuitischen Missionaren über die Phase der Christenverfolgung bis hin zu den Entwicklungen des 20. Jahrhunderts, verdeutlichte Prof. Yoshida die Komplexität von Übersetzungsprozessen. Im Mittelpunkt standen methodische Dilemmata: Soll eine Übersetzung primär nah am Urtext oder leicht verständlich sein? Wie geht man mit Begriffen um, für die es in der Zielsprache kein Gegenstück gibt, und wie beeinflusst die jeweilige Zielgruppe die gewählte Strategie? Auch kulturelle und religiöse Konzepte wurden in den Blick genommen.
Anhand von Ausschnitten bekannter Anime-Filme wie Prinzessin Mononoke, Mein Nachbar Totoro oder Your Name veranschaulichte Prof. Yoshida das zirkuläre Zeitverständnis sowie die Vorstellung von Kami (japanischen Göttern).
Besonders prägend war die offene und leidenschaftliche Art des Dozenten, der die tiefe Verwobenheit der japanischen Identität mit dem Shintoismus und Buddhismus aufzeigte. Zitate wie
„Die Taufe ist für Japaner sehr emotional, weil sie wissen, dass es ein Abschied ist“
verdeutlichten die existenzielle Dimension des Glaubenswechsels in einem solchen Umfeld.
Aus der Kurswoche ergaben sich zwei wesentliche Erkenntnisse: Zum einen erfordert eine gelungene Bibelübersetzung zwingend Teamarbeit zwischen Theologie, Sprachwissenschaft und Einheimischen. Zum anderen wird deutlich, dass die Nachfolge Jesu das Zurücklassen bisheriger Weltbilder erfordert. Dies ist eine Tatsache, die in nicht-christlich geprägten Kulturen besonders bewusst erlebt wird, aber auch im westlichen Kontext eine ständige Herausforderung bleibt.
Die 1886 gegründete Tohoku Gakuin University (TGU) in Sendai ist die größte christliche Universität Nordjapans. Seit 2023 ist die TGU über die historischen Verbindungen der Liebenzeller Mission eng mit der IHL partnerschaftlich verbunden. Beide Partnerhochschulen setzen sich gemeinsam für den internationalen Austausch von Studierenden und Lehrenden ein.
Text von Lisa Kuttler, Teilnehmerin der September School.


